Im letzten Beitrag unserer neuen Rubrik „Reise-Realität“ habe ich noch darüber geschrieben, wie schnell eine gut gemeinte Geste in ganz viel Wut ausarten kann. Im zweiten Beitrag berichte ich über eine bedeutend leisere Geschichte. Dieses Mal geht es um ein Erlebnis, das uns mit überraschender Präzision, Verständnis ohne gesprochene Worte und ganz viel Respekt begleitet hat.
Es war unser zweiter Tag in Japan. Der Jetlag saß noch in den Knochen, die Navigation durch das umfangreiche Metro-System in Tokio war noch nicht ganz durchdrungen und die Eindrücke waren alle noch sehr neu.
Wir waren auf dem Weg zum Gotoku-Ji Tempel am Rand der Stadt. Und so nahmen wir eine Metro-Verbindung. Da man beim Ein- und Aussteigen die Suica-Karte vorhalten muss, hielt meine Frau ihr Portemonnaie griffbereit am Handgelenk. Da baumelte das Ding, sicher an der Handgelenkschlaufe. So dachten wir jedenfalls. Denn genau in dem Moment, als wir den Zug verlassen wollten, entschied sich die Halterung: „Jetzt lasse ich los!“. Und das tat sie in solch vollendeter Präzision, dass das Portemonnaie geradewegs zwischen Bahnsteigkante und Zugtür verschwand.
Da standen wir nun. Viele tausend Kilometer entfernt vom gewohnten Umfeld, unsere Körper noch spürbar verwirrt von der Zeitumstellung und meine Frau nun mit allen Kreditkarten und Papieren im Gleisbett irgendwo in Tokio.
Doch unser Missgeschick blieb nicht unbemerkt. Als wir etwas ratlos auf das Portemonnaie im Gleisbett blickten, kam schon ein ernst dreinblickender Japaner in Uniform angelaufen. Nun konnten wir kein Japanisch und es stellte sich schnell heraus, er auch kein Englisch. Ein kurzes Deuten in das Gleisbett und auf das Portemonnaie dort unten reichte aber aus, um die Lage zu erklären. Mit eindeutigen Gesten signalisierte er uns zu warten, denn es folgten zwei weitere Züge. Er wollte gleich wieder da sein.
Gesagt, getan. Doch unser Sohn musste genau jetzt ganz dringend auf Toilette. Wir dachten, kein Problem, dann geht Mama schon vor und ich warte. Was wir nicht bedacht haben, die Toiletten lagen außerhalb der Eintrittsschranken, also stand meine Frau dort auf einmal vor verschlossenen Toren. Ihre Suica war ja gerade nicht erreichbar. Aber auch das war kein großes Problem. Auch beim Ausgang könnte das Problem schnell, ohne Worte erklärt und die Lage gelöst werden.
Währenddessen wartete ich Oben. Der freundliche Schaffner (so nenne ich ihn jetzt einfach) kam mit einer Müllzange zurück, lies die beiden Züge noch durchfahren und angelte dann unser Portemonnaie geschickt aus dem Gleisbett.
So viel Einsatz konnte nur mit einer ehrlich gemeinten Verbeugung und einem breiten Lächeln meinerseits gedankt werden. Und das war auch der Moment in dem sich die strenge Miene des Schaffners löste. Ich spürte, wie so eine kleine Geste wie eine Verbeugung sichtlich dankbar angenommen wurde. Wir waren heilfroh, das Portemonnaie wieder in Händen zu halten und er sichtbar stolz uns „gerettet“ zu haben.
Am Ende dauerte auch dieser Moment nicht länger als 15 Minuten, Aber er zeigte wieder einmal ganz deutlich, es braucht keine Wörter, um sich zu verständigen, oft reichen einfache Gesten. Und viel wichtiger mit viel Respekt und offener Dankbarkeit kommt man immer an, egal wie streng der erste Eindruck auch sein mag.
Mit dem Portemonnaie fest in der Hand (und diesmal doppelt gesichert!) machten wir uns schließlich weiter auf den Weg zum Gotoku-ji. Und als wir dort vor den tausenden Winkekatzen standen, konnten wir uns ein Schmunzeln nicht verkneifen. Vielleicht hatten sie ja wirklich schon am Bahnsteig ihre Pfoten im Spiel.
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Falls ihr nun noch lesen wollt, was wir sonst noch für Abenteuer in Japan und Tokio erlebt haben, könnt ihr das gerne hier auf dem Blog über die Links machen.
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Herzliche Grüße
Alex & Familie



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